Jungfer Lorenz

Vor vielen, vielen hundert Jahren,
genau kann man es nicht mehr sagen,
da lebte hier in Tangermünde
ein reiches, hübsches Bürgerkinde,
das einen Wald besessen hat
ganz in der Nähe uns'rer Stadt.

Der Winter war sehr lang und kalt.
Ein Sturm brach Bäume um im Wald.

Doch als der Frühling endlich kam,
die Sonne machte alles warm,
da ging im schönsten Sonnenschein
die Jungfer Lorenz ganz allein
in ihrem Lorenzwald spazieren.
"Was sollte mir denn auch passieren?"

Das dachte sie. Doch welch ein Graus,
der Wald sah heut' ganz anders aus.

Und plötzlich war es dann geschehen:
Sie konnte nicht mehr weiter gehen.
"Wo führt der Weg denn nur hinaus?
Wie komme ich denn bloß nach Haus?
Ach lieber Gott, so hilf mir schnell,
denn lange ist es nicht mehr hell.
Ich habe Angst im dunklen Wald.
Die kalte Nacht, sie kommt schon bald!"

Sie weinte bitterlich und fror.
Da drang ein Laut ans Jungfernohr.
Im Mondschein stand ein Hirsch vor ihr,
ein wunderschönes, edles Tier.
"Hab' keine Angst, ich werd' mich bücken.
Komm steig schnell rauf auf meinen Rücken!"
So sprach der Hirsch und trug sie fort
bis hin zu ihrem Heimatort.

Und als sie auf den Marktplatz kam,
nahm jedermann sie in den Arm.
"Vor Sorge waren wir schon krank.
Du lieber Hirsch, hab vielen Dank!"

Der Hirsch war überhaupt nicht scheu,
war zutraulich und richtig treu.
Zum Wald wollt' er nicht mehr zurück.
So gab man ihm ein kleines Stück
Weideland, wo man ihn hegte,
täglich fütterte und pflegte.

Doch auch ein Hirsch wird einmal alt.
Und als er starb, baute man bald
zum ewigen Memorium
das Geweih zu einem Leuchter um.
Und kunstvoll steht ganz in der Mitt'
die Jungfer, die einst auf ihm ritt.